Jung, schlicht und etwas versteckt

Wer vom Hutberg auf das nahe gelegene Städtchen Herrnhut blickt, sucht vergeblich nach der Turmspitze der hiesigen katholischen Kirche. Denn dieser ist derart niedrig gehalten und dazu noch in einer Seitenstraße verortet, dass ihn die stattlichen Barockgebäude des Stadtkerns völlig verdecken. Diese „Unsichtbarkeit“ ist aber allein der Tatsache geschuldet, dass die Kirche erst nach dem Zweiten Weltkrieg – genauer gesagt 1956 – gebaut wurde. Wie alle Kirchenneubauten hatte auch das Herrnhuter Vorhaben in der Nachkriegszeit mit dem Mangel an Baumaterial zu kämpfen und auch mit der Frage, was nach so viel Trümmern und Schutt im Land angemessen ist. Die Schlichtheit der Herrnhuter Kirche hat aber noch eine andere Referenz: Vor allem die Gestaltung des Innenraums lehnt sich an den Betsaal der Evangelischen Brüder-Unität an, die durch ihren missionarischen Geist und ihre Weltoffenheit bekannt ist. Einst hatte diese evangelische Glaubensgemeinschaft den Ort Herrnhut gegründet und den Zuzug nur den eigenen Glaubensangehörigen gestattet. Das änderte sich erst, als Anfang des 20. Jh. immer mehr Arbeiter gebraucht wurden. Eine große Rolle spielte auch die Brandstiftung durch sowjetische Soldaten, bei der zu Kriegsende viele Gebäude – darunter auch der Kirchensaal der Brüdergemeine – zerstört wurden. Zugleich mussten von heute auf morgen hunderte Flüchtlinge – vor allem aus dem katholischen Schlesien und dem Sudetenland – untergebracht werden. Die Not führte die Menschen zusammen; Mitglieder der Brüdergemeine und Katholiken nutzten dieselben Räume zum Gottesdienst und es entwickelte sich eine Verbundenheit, die bis heute zu spüren ist...

Kirche Herrnhut Signet

Wegweisend

Ein kleines bescheidenes Zeichen am ehemaligen Pfarrhaus weist Passanten auf die katholische Kirche hin. Die eingeritzte Inschrift „St. Bonifatius“ mit den Symbolen von Mitra und Stab zeigen an, dass dieses Gotteshaus unter dem Patronat dieses großen Missionars und Kirchenreformers steht. 

Kirche Herrnhut Außenansicht

Verwandelt

Einst fielen ins diesem Haus viele Späne, denn vor dem Umbau 1956 war hier eine Tischlerei untergebracht. Bei der Einweihung vermerkt der Chronist, wie überrascht die Besucher über die gelungene Verwandlung waren. Drei Jahre später ist die neue Funktion als Kirche nicht zu übersehen: Am Giebel wird ein schmiedeeisernes Kreuz und darunter eine Drahtplastik des Kirchenpatrons angebracht. 

Kirche Herrnhut Reliquie

Kostbar

Es ist dem unermüdlichen Drängen von Kaplan Lock zu verdanken, dass Herrnhut eine Reliquie des hl. Bonifatius besitzt. Der kleine Knochensplitter stammt aus dem Grab des Heiligen in Fulda und ist nun auf einem roten Tuch in einer 4 cm großen vergoldeten Kapsel untergebracht, die wiederum von der Krümme eines Hirtenstabs gehalten wird.   

Kirche Herrnhut Kreuzweg

Farblich abgestimmt

Die künstlerische Ausgestaltung der Kirche übernahm – bis auf zwei Ausnahmen – der einheimische Künstler Emil Pischel aus Ostritz. Seine Handschrift ist vor allem beim Kreuzweg zu erkennen. Diesmal spart er jedoch an der Farbe – ganz in Anlehnung an die übrige Farbgestaltung. 

Kirche Herrnhut Innenansicht

Weit und leicht

Die Ähnlichkeiten mit dem Betsaal der Herrnhuter Brüdergemeine sind unverkennbar. Der hohe weiße Kirchenraum vermittelt den Betern Weite und Leichtigkeit – beides Vorboten für einen tiefen Glauben.

Kirche Herrnhut Altarbild

Herausgekratzt

Für das Altarbild mussten zunächst drei Putzschichten aufgetragen werden. Das Sgraffito entstand durch Auskratzen der noch relativ feuchten Oberfläche und zeigt den Auferstandenen mit Wundmalen.   

Kirche Herrnhut Altar

Rot, schön und vor allem schwer

Für den Altar und den Altarraum hat man roten Kalkstein, sogenannten Travertin, aus den Steinbrüchen des thüringischen Bad Langensalza herangeschafft. Die Steine haben ein Gewicht von 9.000 kg. Umso beachtlicher, dass der Eisenbahnwaggon, der die Steine transportierte, von den Arbeitern in einem Kraftakt über Nacht entladen werden musste.

Kirche Herrnhut Taufstein

Aussagekräftig

Travertin ist auch das Material, aus dem der Taufstein von Friedrich Press aus Dresden gefertigt wurde. Die Gravuren zeigen (auf dem Foto von links nach rechts) die Bewahrung der drei Jünglinge im Feuerofen, Jesus als neuen Mose und den Durchgang durchs Rote Meer.

Kirche Herrnhut Schutzmantelmadonna

Modern

Die aus Lindenholz geschnitzte Marienfigur stammt ebenfalls von Friedrich Press. Die Chronik vermerkt, dass ihr Entstehen Anfang der sechziger Jahre streng vom Kunstbeauftragten des Bistums überwacht wurde. Sie war damals ein künstlerisches Wagnis der Moderne. Für die Zittauer Pfarrei, die eine Schutzmantelmadonna in ihrem Siegel trägt, ist sie von besonderer Bedeutung, weil es im gesamten Pfarrgebiet nur diese gibt.

Geschichtlicher Abriss
1772: Gründung der Siedlung Herrnhut
bis 1873: zugehörig zur Pfarrei „Mariä Himmelfahrt“ Ostritz
bis 1923: zugehörig zur Pfarrei „Mariä Namen“ Löbau
25. Mai 1948: Einrichtung der Lokalkaplanei Herrnut
(zugehörig zur Pfarrei „St. Nikolaus“ in Bernstadt a.d.E.)
5. Dez. 1954: Grundsteinlegung für die erste eigene Kirche 
18./19. Aug. 1956: Weihefest
2000: Eingliederung in die Pfarrei „Mariä Namen“ Löbau

 

Kirche „St. Bonifatius“ Herrnhut
Anschrift: 02747 Herrnhut, Oderwitzer Str. 2
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Ansprechpartner
Hubert Graf

© Texte und Fotos: Jeannette Gosteli