Kriterien für geistliches Leben

Einführung

Geistliches Leben hat viele Facetten und mitunter ist es gar nicht so einfach, sich im Gewirr von unzähligen Begriffsdeutungen und Angeboten zurechtzufinden. Deswegen ist es hilfreich, sich mit den wichtigsten Kriterien vertraut zu  machen. In jedem Quartal wenden wir uns einem neuen Aspekt zu.

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Geistliches Leben: Ein Weg nach innen

Ich habe ein Inneres, von dem ich nicht wusste. Rainer Maria Rilke

Den Anfang soll eine Grunderfahrung machen, die der Lyriker Rainer Maria Rilke in einem lesenswerten Prosastück beschreibt. Als er bei seinem Aufenthalt in Paris die Fremdheit der Metropole an sich heranlässt, nimmt er die Dinge auf einmal ganz anders wahr. Er formuliert das Neue so: „Ich lerne sehen. Ich weiß nicht, woran es liegt, es geht alles tiefer in mich ein und bleibt nicht an der Stelle stehen, wo es sonst immer zu Ende war. Ich habe ein Inneres, von dem ich nicht wusste. Alles geht jetzt dorthin. Ich weiß nicht, was dort geschieht.“

Auch wenn Rilke nicht explizit von einer geistlichen Erfahrung spricht, so schildert er hier dennoch einen wichtigen Aspekt des geistlichen Lebens: die Entdeckung der eigenen Innerlichkeit. Geistliches Leben, besser gesagt: dessen bewusste Wahrnehmung, beginnt sehr häufig mit einem wie von Rilke beschriebenen „Seherlebnis“. Es lässt den Betroffenen auf einmal wesentlich sensibler für die Schönheit, aber auch für die Verletzlichkeit des Menschen und der gesamten Schöpfung werden; es eröffnet zugleich einen unbekannten Weg nach innen; einen Weg in Tiefe der eigenen Seele. Dass es äußerst lohnend ist, diesen geheimnisvollen inneren Seelenraum zu „betreten“, bezeugen viele geistliche Autoren. Auch wenn sie unterschiedliche Metaphern und Übungsansätze für diesen unaussprechlichen Vorgang gefunden haben, so sind sie sich doch alle darin einig, dass tief in unserem Inneren der Ort der ersehnten Gotteserfahrung verborgen ist.

Vatikanische Museen, Rom

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Aufbruch ins Ungewisse

Der einzig verlässliche Kompass auf dem geistlichen Weg ist die wachsende Sehnsucht nach der Liebe Gottes in unserem Herzen.

Moderne Kunst aus verrostetem Eisen ist nicht jedermanns Sache. Doch bei dem Pilgerdenkmal auf dem Alto del Perdón – einem tausend Meter hohen Bergrücken, den die Pilger auf dem spanischen Jakobsweg zu überqueren haben –, sind sich die meisten einig: Dieser lange Pilgerzug hat etwas! Das mag vor allem daran liegen, dass die rostigen Gesellen so entschlossen wirken. Obwohl ihnen der Wind ins Gesicht bläst, setzen sie ihre begonnene Pilgerreise unbeirrt fort.

Das eindrückliche Denkmal steht für einen wichtigen Aspekt des geistlichen Lebens: Wer mit der Tiefendimension seiner Seele in Kontakt kommt, gerät unweigerlich in Bewegung – äußerlich wie innerlich. Freilich dürfen wir uns das nicht allzu romantisch vorstellen; davon zeugen viele biblische Geschichten. An deren Anfang wird oft von einer existenziellen Bedrohung berichtet: von Hunger, Krieg oder Verfolgung. Sie zwingen die Betroffenen förmlich, in die Fremde zu ziehen.
Auch wenn wir in unseren Breiten keine derartigen lebensbedrohlichen Zustände zu befürchten haben, können sie starke Bilder für die empfundene seelische Not sein. Oft steckt dahinter die erschütternde Erkenntnis, dass alles, was das Leben bis jetzt ausgemacht hat – die Verankerung in Familie, Beruf oder Besitz – nicht mehr trägt. So hart diese Einsicht auch sein mag, sie verleiht auch Mut, ganz neue Pfade zu betreten.

Ein solcher Aufbruch beginnt oft mit einem Sprung ins Ungewisse. Denn mit der Abkehr vom alten Leben betreten wir völliges Neuland. Wir können nicht mehr allein auf die eigenen Kräfte setzen, sondern sind ganz auf Gottes Führung angewiesen. Zum Glück lässt sich dieser neue Halt im Leben auch bald erfahren: Es ist die von Gott geschenkte Sehnsucht nach seiner Liebe in unserem Herzen. Sie hilft uns, trotz aller Widrigkeiten entschlossen voranzuschreiten – wie die neun Pilgergestalten auf dem Alto del Perdón.

Zwei der insgesamt neun Pilgerfiguren auf dem Alto del Perdón

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Üben, um frei zu werden

Du kannst die Welt nicht aus den Angeln heben, wohl aber die Tür zu deiner inneren Freiheit. Helga Schäferling

„Mit Gott fangen die Schwierigkeiten erst an“, so lautet der Titel eines kleinen Büchleins, das vor etlichen Jahren im Vier-Türme-Verlag erschien. Die Aussage soll uns als Einstieg dienen, um erneut der Frage nachzugehen, was geistliches Leben ausmacht. Die Begegnung mit Gott – so berichten uns die Bibel und auch die Zeugnisse vieler gläubiger Menschen – bringt zunächst weniger die gesuchte Glückseligkeit als eine enorme seelische Erschütterung mit sich. Wer es mit Gott zu tun bekommt, erschrickt vor allem über seine eigene Unfreiheit. Freilich denken wir meistens zuerst an die äußeren Umstände, die unsere ersehnte Freiheit beschneiden. Doch auf dem geistlichen Weg wird uns Suchenden immer mehr bewusst: Es sind vor allem innere Kräfte, die uns gefangen halten. Es sind eigene Gedanken, Vorstellungen und Gefühle, die das Leben unfrei machen. Diese Erkenntnis ist bitter; sie ist aber auch eine starke Triebfeder, nach wirklicher Freiheit zu suchen und zu streben.

In der Geschichte der Spiritualität wurden dafür immer wieder neue Wege aufgezeigt. Denken wir nur an die Wüstenväter und ihren Verzicht auf alle Annehmlichkeiten des Lebens; an die benediktinische Tradition und ihre ständige Beschäftigung mit dem Wort Gottes sowie an Ignatius von Loyola und seine vierwöchigen Exerzitien. Es ist erfreulich, dass in den letzten Jahren das Bewusstsein für solche geistlichen Übungswege wieder gestiegen ist. Erfreulich ist auch, dass es immer mehr Angebote gibt, die uns nicht gleich zu viel abverlangen. Denn auch kleinere geistliche Übungen können helfen, einen ersten Schritt in Richtung Freiheit zu gehen. Ein Beispiel dafür sind die Rorate-Messen im Advent. Es kostet zwar Überwindung, in aller Frühe aufzustehen, doch es lohnt sich auch. Denn die nur von Kerzen erleuchtete Kirche will uns mit dem ersehnten inneren Frieden in Berührung bringen. Eine solche Erfahrung ist oft Auslöser, sich auf weitere geistliche Übungen einzulassen.

Stimmungsvolle Rorate-Messe in der Zittauer Marienkirche 2018

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Unterscheiden lernen

Traut nicht jedem Geist, sondern prüft die Geister, ob sie aus Gott sind. 1 Joh 4,1

Wanderfreunde haben es leicht – zumindest in unseren Breiten, wo an jeder Ecke ein Wegweiser steht. Wer den geistlichen Weg einschlägt, muss ein anderes Leitsystem nutzen, um nicht in die Irre zu gehen. Er muss lernen, die Geister, die ihn führen bzw. verführen wollen, zu unterscheiden. Das ist einfacher gesagt als getan. Denn ob ein guter oder böser Geist am Werk ist, lässt sich meist erst an den Auswirkungen erkennen. Wir können von Glück reden, dass uns geistlich erprobte Menschen ihre Erfahrungen hinterlassen haben.

So verweist zum Beispiel der frühchristliche Theologe Origenes darauf, dass der gute Geist die Seele immer zum Guten hin bewegt; sie erfährt Trost und sehnt sich zunehmend nach der Fülle des Friedens. Hingegen sind Kennzeichen des bösen Geistes Verwirrung, Zweifel, lang anhaltender Zorn und Schlaffheit. Darauf baut später Ignatius von Loyola seine Unterscheidungslehre auf. Johannes Cassian, der das Erfahrungswissen der Wüstenväter aufschrieb, entlarvt alles Extreme und Übermäßige als Zeichen des bösen Geistes.
Darüber hinaus hat der Mönchsvater Benedikt im Blick, ob es der Gemeinschaft dient bzw. ihr zumindest nicht schadet. Kirchenlehrerin Katharina von Siena zieht die Unterscheidungslinie mit der Frage: Geht es bei dem Verlangen der Seele darum, ob sie Gott erfahren oder ob sie nur etwas von ihm erhalten möchte? Der Mystiker Johannes vom Kreuz achtet sehr darauf, wie jemand über seine Erfahrung spricht; ein schlichter Stil zeugt vom Hl. Geist, Aufgeblasenes von dessen Feind. Schließlich sei noch Bischof Franz von Sales, der begnadete Seelenführer, zitiert. Er führt gleich eine ganze Reihe von Kriterien auf: die Vereinbarkeit mit der Hl. Schrift, die Auseinandersetzung mit Schwierigkeiten, die Milde im Umgang mit dem Nächsten, Furcht und Demut sowie die Unsicherheit in der Einordnung der Erfahrungen und die Bereitschaft, diese auch kritisch zu beleuchten. Hinzu kommt das Fehlen von Rachsucht, frommer Entrüstung über andere, Geltungsdrang und affektierten Ausdrücken.

Text zur Vertiefung: » Unterscheidung der Geister – ein Exkurs durch die Geschichte

Unterscheiden lernen
Wanderwegezeichen in Oybin

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Geistbestimmt leben

Lasst euch vom Geist erfüllen (Eph 5,18)

Was ist eigentlich geistliches Leben? Man möchte meinen, das ist eine recht simple Frage. Doch weit gefehlt! Freilich drückt allein schon der Begriff aus, dass geistliches Leben etwas mit dem Geist zu tun haben muss – genauer gesagt mit dem Geist Gottes, von dem der Evangelist Johannes sagt: Er „ist es, der lebendig macht“ (Joh 6,63). Doch was ist mit dieser neuen Lebendigkeit gemeint? Seit jeher tun sich Zeugen solcher Geist-Erfahrungen schwer, das Erlebte in Worte zu fassen. Sie greifen daher notgedrungen auf Sinnbilder zurück, die wenigstens eine Annäherung an das Erlebte ermöglichen. In der Bibel finden wir zum Wirken des Heiligen Geistes ganz unterschiedliche Aussagen. Mal berührt er den Menschen ganz sanft wie ein Windhauch, wie der Flügelschlag einer Taube. Ein anderes Mal bricht er in sein Leben ein wie ein gewaltiger Sturm, wie Feuerflammen. Man kann sagen: Geistliches Leben beginnt immer dort, wo der Mensch die Wirkung des Heiligen Geistes ganz konkret zu spüren bekommt. Eine solche Erfahrung bleibt meist nicht folgenlos. Wer dem Heiligen Geist in seinem Leben Raum gibt und sich auf seine Führung einlässt, dem wird er bald zum Lebenselixier. Ein berührendes Zeugnis für solch ein geistbestimmtes Leben ist uns zum Beispiel von der Karmelitin Edith Stein überliefert, die in einem Text zur Pfingstnovene fragt und zugleich antwortet: „Wer bist du, Licht, das mich erfüllt und meines Herzens Dunkelheit erleuchtet? Du leitest mich gleich einer Mutter Hand, und ließest du mich los, so wüsste keinen Schritt ich mehr zu gehen. Du bist der Raum, der rund mein Sein umschließt und in sich birgt. Aus dir entlassen, sänk‘ es in den Abgrund des Nichts, aus dem du es zum Sein erhobst. Du, näher mir als ich mir selbst und innerlicher als mein Innerstes – und doch ungreifbar und unfassbar und jeden Namen sprengend: Heiliger Geist – Ewige Liebe.“ Schöner kann man den Wesenskern geistlichen Lebens nicht beschreiben.

Text zur Vertiefung: » Heiliger Geist – Texte, Traktate, Zitate, Gebete und Gedichte

 

Unterscheiden lernen
Apostel mit Feuerzungen – Detail des Fensterbildes in der Zittauer Marienkirche

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In den Spiegel schauen

Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht? (Mt 7,3)

Wer bin ich? Mit diesem lyrischen Text will uns der spirituelle Dichter und Ordensmann Andreas Knapp auf eine wichtige Spur im geistlichen Leben bringen: die Aufgabe, sich selbst erforschen.

In der christlichen Spiritualität gibt es dazu eine lange Tradition. So ziehen zum Beispiel schon im 3./4. Jahrhundert Menschen in die Wüste, um sich mit ihrem Innenleben auseinanderzusetzen. In der Stille machen sich tausend zermürbende und quälende Gedanken bemerkbar. Den üblichen Kämpfen des Alltagslebens entrissen, ist der Mönch – wie der hl. Antonius formuliert hat – einem neuen, einem viel schwierigeren Kampf ausgesetzt: dem „Kampf … mit dem Herzen“. Aus eigener Erfahrung empfehlen die Wüstenväter, genauestens auf die verschiedenen Gedanken zu achten, die sich negativ auf das Seelenleben und auf das Verhältnis der Seele zu Gott auswirken – besonders in welchen Situationen und in welcher Abfolge diese zerstörerischen Gedanken auftreten. Bernhard von Clairvaux, der im 11. Jh. das benediktinische Mönchtum zu den Wurzeln zurückzuführen versucht, weiß, dass diese Suche keinem Selbstzweck unterliegt, denn dann würde sie uns letztlich nur in Verzweiflung stürzen. Vielmehr beschreibt er den Weg der Selbsterkenntnis als wichtigen Schritt zur Gotteserkenntnis. Daher können wir die Aufgabe, uns selbst zu erforschen, mit großer Zuversicht annehmen. Wir verlieren nichts, sondern gewinnen viel. Wir gewinnen einen liebenden Blick auf uns, weil wir erkennen, dass uns Gott trotz aller Mängel liebend umfängt. Wir gewinnen die Fähigkeit, barmherziger mit den Schwächen unserer Mitmenschen umzugehen, weil wir mehr auf uns, als auf die anderen schauen. Und wir gewinnen immer mehr die Gewissheit, dass Gott die Liebe ist (1 Joh 4,8), die uns zieht und lockt, über uns hinauszuwachsen.

Text zur Vertiefung: » Selbsterforschung – Texte, Traktate, Zitate, Gebete und Gedichte

 

wer bin ich
von Geburt an
das Fragezeichen ins Gesicht geschnitten
mein Name wie ein anonymer Steckbrief
vom Wind in den Sand geschrieben
Adresse im Niemandsland
zwischen Wunsch und Wirklichkeit
Passbild im Hochglanz
doch die Augen bleiben matt
kein Spiegel
zeigt mein wahres Gesicht
nicht passendes Puzzle
aus widerstreitenden Gefühlen
ein gejagter Jäger
mich selber suchend und fliehend zugleich
die Summe meiner Eigenschaften
geht nicht auf
Maske um Maske
entblättert meine Blöße
zerrissenes Ebenbild
eines um mich bangenden Gottes

Andreas Knapp
Gedichtband „Brennender als Feuer“ echter 2014

© Texte und Fotos: Jeannette Gosteli (sofern nicht anders angegeben)